Blog für Hundefans: Tipps, Geschichten & mehr

Ich glaub mein Hund mag mich net

Servus und Hallo auf meinem Blog. Schön, dass du da bist. Mach dir einen Tee oder einen Kaffee, setz dich zu mir und lass uns heute mal über ein Gefühl sprechen, das fast jeden von uns nachts wachliegen lässt. Ein Gefühl, das so schwer und klebrig ist, dass wir kaum darüber zu sprechen wagen: Das ständige, alles zerfressende schlechte Gewissen unserem Hund gegenüber.


​Als Hundetrainerin hör ich den einen Satz in meinen Beratungen immer und immer wieder, verpackt in Tränen und pure Verzweiflung: „Bin ich überhaupt gut genug für meinen Hund? Wäre er woanders net viel besser aufgehoben?".
​Erst neulich hatte ich genau so einen Fall im Training. Eine Kundin, die sich im Urlaub unsterblich in eine Straßenhündin aus dem Ausland verliebt hatte. Dieser Hund hat sie regelrecht in seinen Bann gezogen, sie konnte net anders, als die Hündin mit nach Hause zu nehmen. Und jetzt? Jetzt ist der Alltag da. Und mit ihm die brutale Realität. Sie sitzt weinend vor mir und sagt: „Ich habe das Gefühl, mein Hund mag mich net mal. Vielleicht wäre er bei jemand anderem viel glücklicher. Aber ich kann ihn einfach net gehen lassen. Bei mir zeigt er einfach überhaupt keine Motivation – so gar net. Aber wehe, andere Menschen tauchen auf, da ist er plötzlich wie ausgewechselt und zeigt sich ganz anders!“
​Weißt du was? Heute setzen wir mal net nur die Trainerbrille auf. Heute steigen wir mal ganz tief in die Psychotherapie ein. Denn das, was hier passiert, hat verdammt wenig mit dem Hund zu tun aber alles mit unserer eigenen Psyche, unserer Emotionsregulation und unseren unbewussten Bedürfnissen. Lass uns das mal fachlich so richtig auseinandernehmen.
​"Missbrauchst" du deinen Hund zur Emotionsregulation?
​In der Psychotherapie sprechen wir von Emotionsregulation also der Fähigkeit, unsere eigenen Gefühle (wie Stress, Einsamkeit, Angst oder Traurigkeit) wahrzunehmen, zu steuern und zu beruhigen. Ein psychisch gesunder, erwachsener Mensch sollte in der Lage sein, sich selbst zu regulieren. Doch im stressigen Alltag greifen wir oft unbewusst auf externe Hilfsmittel zurück. Und hier kommt der Hund ins Spiel.
​Wir müssen uns hier ganz ehrlich und schonungslos fragen, aus welchem Grund hast du dir deinen Hund geholt?
​War es wirklich, um diesem biologischen Lebewesen ein sicheres, geschütztes und gesundes Leben zu bieten? Oder sollte er eine Lücke in deiner eigenen emotionalen Struktur füllen? Sollte er dein Regulator sein? Ein Partner, der dich immer bedingungslos anhimmelt, der deine Einsamkeit wegstreichelt und dich genau dann aufwertet, wenn du dich selbst net wertvoll fühlst?
​Aus psychotherapeutischer Sicht ist das eine Form der instrumentellen Bedürfnisbefriedigung. Wir benutzen ein anderes Lebewesen, um unsere Defizite auszugleichen. Aber hier liegt der Denkfehler, denn dafür ist kein Hund der Welt gemacht.
​Das ist net seine Aufgabe. Es ist übrigens auch net die Aufgabe deines Partners oder deiner Freunde. Wenn wir einen Hund zu unserem persönlichen, vierbeinigen Therapeuten degradieren, bürden wir ihm eine emotionale Last auf, die er biologisch überhaupt net tragen kann. Wenn der Hund dann net so funktioniert, wie wir es für unsere eigene emotionale Stabilität bräuchten, gerät unser System ins Wanken. Und genau daraus entsteht diese tiefe, verzweifelte Frustration.


​Die Erwartungshaltung und der „Besuch-Effekt“, die psychologische Täuschung,
dass dieser Hund bei seiner Besitzerin keine Motivation zeigt, bei Fremden aber plötzlich aufblüht, bricht vielen Haltern das Herz. Sie interpretieren es als Ablehnung: „Er liebt mich net.“ Doch genau gesehen ist das eine absolute Fehlinterpretation, die auf einer unrealistischen Erwartungshaltung basiert.
​Fremde Menschen sind ein „Schnittstellen-Reiz“: Fremde bringen keine Erwartungen mit, sie sind unvorhersehbar und selten. Bei ihnen kann der Hund kurzfristig hochfahren, Charmebolzen spielen und sich durch die Aufregung einen schnellen Dopamin-Kick holen. Das ist keine „Liebe“, das ist reines, situatives Erregungsverhalten (Arousal).
​Die Besitzerin ist der „Sichere Hafen“. Nach der Bindungsforschung sucht ein Hund bei seiner primären Bindungsperson Schutz und Sicherheit. Und genau hier liegt die Magie, bei dir darf der Hund seine Maske fallen lassen. Er muss net glänzen, er muss net performen, um zu überleben. Seine scheinbare „Unmotiviertheit“ bei dir ist in Wirklichkeit ein Zeichen von tiefem, neurologischem Sicherheitserleben. Er ist im Parasympathikus (dem Ruhe-Nervensystem). Er entspannt sich so sehr, dass er einfach nur ist.
​Deine Erwartungshaltung verwechselt also die stressige Aufregung bei Fremden mit Zuneigung und die tiefe, sichere Entspannung bei dir mit Ablehnung. Das ist ein fataler Trugschluss!


​Die verschiedenen „Love Languages“ unserer Hunde
​Wir projizieren unsere menschliche Vorstellung von Bindung, die fast immer aus intensivem Blickkontakt, Worten und Kuscheln besteht, eins zu eins auf den Hund. Aber Hunde haben ganz unterschiedliche Sprachen der Liebe und der Bedürfnisbefriedigung.
Der Schmuser (Körperkontakt): Sucht die physische Nähe, um sein Oxytocin (das Kuschelhormon) anzukurbeln.
Der Motivierte (Anerkennung): Braucht kognitive Beschäftigung, Kooperation und Bestätigung, um sich sicher und kompetent zu fühlen.
Der Genießer (Gemeinsame Zeit/Präsenz): Das ist der Klassiker bei vielen Auslandshunden. Ihre Sprache der Liebe ist die stille Koexistenz. Einfach nur im selben Raum liegen, schweigend denselben Weg im Wald gehen. Für sie ist geteilte Sicherheit die höchste Form der Zuneigung. Sie brauchen keine Dauerbespaßung.
​Wenn du die Love Language deines Hundes net liest, sondern ihm deine eigene aufzwingst, um dich selbst zu regulieren, entsteht ein emotionales Missverständnis.


Was ist unsere wirkliche Pflicht als Hundehalter?
​Ein Hund ist ein Schutzbefohlener, kein Therapeut. Wenn wir ihn zu uns holen, unterschreiben wir einen unsichtbaren Vertrag. Und in diesem Vertrag steht net als oberste Pflicht: „Du musst jeden Tag mit deinem Hund auf der Couch liegen und schmusen.“ Das ist ein wunderschönes Nice-to-have, ja. Aber es ist net die Basis.
​Als erwachsene, verantwortungsvolle Menschen ist es unsere Aufgabe, für uns selbst zu sorgen und dem Hund ein Leben zu ermöglichen, in dem er:
Sicher ist und Schutz vor den Reizen unserer Menschenwelt erfährt.
Keine Gewalt erleben muss – weder körperlich noch durch psychischen Druck.
​Regelmäßig gutes Futter, Wasser und medizinische Versorgung bekommt.
​Als das Lebewesen gesehen wird, das er ist – mit eigenen genetischen Grenzen, Ängsten und Bedürfnissen.


​Deine Checkliste, woran du merkst, dass dein Hund dich liebt (auch ohne Schmusen!)
​Damit du das schlechte Gewissen endlich ablegen kannst, habe ich dir eine kleine Checkliste zusammengestellt. Geh sie mal ganz in Ruhe durch. Wie viele Haken kannst du setzen?


​[ ] Er schläft in deiner Nähe: Er muss net auf dir drauf liegen. Wenn er sich im selben Raum entspannt ablegt oder nachts in deiner Nähe schläft, ist das ein riesiger Vertrauensbeweis.
​[ ] Er wendet dir den Rücken zu: Wenn dein Hund sich mit dem Po zu dir setzt oder legt, zeigt das: Er fühlt sich bei dir absolut sicher und muss seine Rückseite net absichern.
​[ ] Er gähnt, wenn du gähnst: Das ist wissenschaftlich bewiesene, emotionale Empathie und zeigt eine tiefe soziale Bindung.
​[ ] Er sucht bei Unsicherheit Schutz bei dir: Wenn er erschrickt oder unsicher ist, orientiert er sich an dir oder stellt sich hinter dich. Du bist sein sicherer Hafen.
​[ ] Er lässt sich von dir anfassen, wenn er schläft oder frisst: Er vertraut dir blind und weiß, dass von dir niemals Gefahr droht.
​[ ] Er checkt beim Spaziergang bei dir ein: Ein kurzer Blick zurück zu dir im Freilauf bedeutet: „Ich bin frei, aber im Herzen bin ich bei dir.“


​Merkst du was? Liebe hat beim Hund so viele Gesichter. Lass uns aufhören, sie nur in Schwanzwedeln und Känguru-Sprüngen zu messen.


​Kurz angekündigt: Die Social-Media-Lüge!
​Dieses nagende Gefühl, net genug zu sein, wird übrigens extrem durch die glitzernde, weichgezeichnete Social-Media-Welt befeuert. In meinem nächsten Blogbeitrag werde ich dieses heiße Eisen mal so richtig für dich anpacken. Ich werde die „Social-Media-Lüge“ komplett auseinandernehmen und dir zeigen, warum dieser gefilterte Perfektionismus uns und unsere Hunde krank macht.
​Nimm den Druck raus: Du bist genug!


​An meine Kundin mit dem Auslandshund und an jeden von euch, der gerade mit diesem nagenden Gefühl kämpft, atmet mal tief durch, holt die Verantwortung für eure eigene Emotionsregulation zu euch zurück. Euer Hund ist net dafür da, eure emotionalen Löcher zu stopfen.
​Sobald ihr aufhört, Erwartungen an ihn zu stellen, wie er euch zu lieben hat, werdet ihr sehen, wie viel Freiheit in eurer Beziehung entsteht. Manchmal ist das größte Geschenk, das wir einem Hund machen können, ihm einfach den Raum zu geben, den er braucht, um in seiner eigenen Geschwindigkeit anzukommen. Ohne Gegenleistung.
Ein großes Dankeschön
​Dass ich diese tiefen psychotherapeutischen Zusammenhänge heute so klar verstehen und in meine Arbeit einfließen lassen kann, verdanke ich wertvollen Impulsen auf meinem eigenen Weg. An dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank an die Praxis Meerwiesen – danke, dass Sie mich dieses wertvolle Wissen gelehrt haben, das heute so vielen Mensch-Hund-Teams den Druck von den Schultern nimmt.


​Habt ihr euch selbst auch schon mal dabei ertappt, dass ihr euren Hund unbewusst als emotionalen Regulator benutzt habt? Und wie habt ihr gelernt, eure Erwartungen herunterzuschrauben? Lasst uns ganz ehrlich, wertschätzend und ohne Scham in den Kommentaren darüber sprechen. Ich bin für euch da.
​Eure Vanessa

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